Politische Soziologie sozialer Ungleichheit
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Theorie 3 - Etablierte und Außenseiter

Anja Kinzler, M.A.

Übung BA

Befragt man die Bewohner(innen) Winston Paravas, so sind sie sich einig: Das Gelände unweit des Ortskerns ist für sie unzumutbar – ein Umstand über den sich schon der Dorfgründer Charles Wilson im Klaren war. Der schlechte Ruf ist sicherlich ein Grund, weshalb ein Großteil der – in den 1930er Jahren dort errichteten – Gebäude auch ein Jahrzehnt später leer stehen.

Doch dann folgt die „Masseneinwanderung“ (Elias & Scotson 2016: 80) von 1940: Im Zuge der Bombardements auf England während des 2. Weltkrieges suchen britische Evakuierte Zuflucht in dem kleinen Ort in den englischen Midlands – und finden sie in der neuen und unfeinen Siedlung unweit des Dorfes.

Rund 20 Jahre später nehmen Norbert Elias und John L. Scotson das Zusammenleben innerhalb der englischen Arbeitersiedlung in den Blick. Es fällt auf, dass trotz aller anfänglichen Solidaritätsbekundungen die Bevölkerung noch immer nicht ‚zusammengewachsen‘ ist. Die Einheimischen sind sich einig: Die (eigentlich gar nicht mehr so) ‚Neuen‘ sind unsozial, kriminell und triebhaft. Kurz: Sie passen nicht nach Winston Parva. Da jedoch alle gängigen Erklärungsmuster hier ins Leere laufen – weder nationale, religiöse, milieuspezifische, ethnische oder Bildungs-Unterschiede können die scharfe Frontstellung zwischen den Gruppen erklären –, stellen sich Elias & Scotson der Frage: Wie kommt das also?

Die beiden Soziologen widmen sich in der empirischen Untersuchung aus den 1960er Jahren daher den Struktureigentümlichkeiten der vorfindbaren Etablierten-Außenseiter-Beziehung. Damit werden nicht nur langfristige Prozesse der Machtbildung und -konservierung offenkundig. Elias & Scotson kommen in Winston Parva gleichermaßen einem „universal-menschliche[n] Thema“ (Elias & Scotson 2016: 7) auf die Spur – einer unsichtbaren und vergessenen „Hierarchie des Hierseins“ (Bude 2016: 102), die als sozial erklärbares Phänomen keineswegs so ‚natürlich‘ ist, wie sie den Einheimischen erscheinen mag.

Nebst der durchgängigen Lektüre des Buches Etablierte und Außenseiter, werden im Rahmen der Übung zunächst grundlegende Theorieimplikationen und Begriffe geklärt. Flankiert durch gedächtnissoziologische Überlegungen zu Mechanismen des sozialen Vergessens, sollen aktuelle Debatten um Migration und Fremdheit kritisch zur Diskussion gestellt werden.
Die Anschaffung der untenstehenden Literatur wird entsprechend empfohlen.

Literatur

Elias, Norbert & Scotson, John L. (2016): Etablierte und Außenseiter. Frankfurt/Main: Suhrkamp