Politische Soziologie sozialer Ungleichheit
print

Sprachumschaltung

Navigationspfad


Inhaltsbereich

Von der Ware der Hure. Warum Prostitution in der bürgerlichen Gesellschaft keine Arbeit und doch Arbeit ist

Kolloquium mit Theodora Becker (Berlin)

16.12.2020 um 18:00 Uhr

Becker

Mittwoch, 16.12.2020, 18:00-20:00 Uhr, online unter

https://lmu-munich.zoom.us/j/96501980882?pwd=YUsxSi84WGxpdE1qb0s3WkJCOFg5Zz09

Dass die Prostituierte nicht arbeitet, jedenfalls keiner ›ehrlichen Arbeit‹ nachgeht, war für die bürgerliche Gesellschaft ausgemacht und zwar noch bis vor wenigen Jahrzehnten. Stattdessen wurde die Prostituierte entweder als Verbrecherin und Betrügerin beargwöhnt oder als Opfer bemitleidet. Diese Sichtweise hatte zur Folge, dass die  Prostitution zwar unter gewissen Bedingungen geduldet wurde – denn sie galt als gesellschaftlich notwendiges Ventil‹ für anderenfalls unkontrollierbare Triebe –, aber nicht eigentlich erlaubt war. Vielmehr stand die Prostituierte unter (sitten-)polizeilicher und gesundheitlicher Kontrolle und durfte ihre Tätigkeit nur in dem engen Rahmen ausüben, den die Auffassung vom ›notwendigen Übel‹ steckte: jegliche öffentliche Anreizung, Aufheizung und Verführung (i.e. Werbung) sollten als Gefährdung der öffentlichen Sittlichkeit so weit wie möglich verhindert und nur ›notwendige‹ Bedürfnisse befriedigt werden.
Im 21. Jahrhundert hat sich die Sicht auf die Prostitution teilweise verändert. Prostitution gilt nun entweder als Sex-Arbeit, als das Erbringen sexueller Dienstleistungen, oder als ein Zwangs- und Ausbeutungsverhältnis, das vom Arbeitsbegriff strikt abgegrenzt wird. Aus diesen beiden Sichtweisen folgen die konträren Forderungen nach  vollständiger Legalisierung (u. ggf. arbeitsrechtlicher Regulierung) der Prostitution oder deren Kriminalisierung, heute meist in Form einer Kriminalisierung der Nachfrage (Freierbestrafung / ›Schwedisches Modell‹). Die Frage dreht sich also – zugespitzt – darum, ob der Prostitution die ›Ehre‹ zuteil wird, als Arbeit zu gelten – nur dann darf sie das Privileg der Legalität genießen. Befürworter der Legalität der Prostitution sind deshalb bemüht, die Ehrlichkeit, Nützlichkeit, Unverzichtbarkeit und Kriminalitätsferne des Gewerbes hervorzuheben.

In dem Vortrag möchte ich erstens zeigen, dass die bürgerliche Gesellschaft in ihrer Gründungsphase mit der Zuordnung der Prostitution zu ›notwendigen Bedürfnissen‹ die Voraussetzungen dafür schuf, Prostitution als Arbeit gelten zu lassen, auch wenn diese Auffassung sich erst vor etwa 30 Jahren durchzusetzen begann. Zusätzlich bewirkte die repressive Regulierung der Prostitution eine tatsächliche Reduktion der Ware der Hure auf das Erbringen von ›ehrlichen‹ Dienstleistungen. Mit Blick darauf versuche ich zweitens zu zeigen, dass Prostitution nicht adäquat begriffen werden kann, wenn sie wesentlich als Dienstleistung betrachtet wird. Vielmehr weist (bzw. wies) sie zahlreiche Eigentümlichkeiten auf, die sie dem Schema des Warentausches oder der Verausgabung von Arbeitskraft entziehen (bzw. entzogen). 

Der Vortrag versteht sich letztlich als Plaidoyer für die Arbeitsscheu von Prostituierten und als Skandalisierung aller Zustände, die Prostituierte nötigen, sich ausbeuten zu lassen und zu arbeiten. Aus einer progressiven Perspektive wäre zu überdenken, ob die Forderung nach ›Anerkennung als Arbeit‹ wirklich angemessen und emanzipatorisch ist.