Politische Soziologie sozialer Ungleichheit
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Die Metamorphosen der sozialen Frage

15248 - Übung

Saskia Gränitz, M.A.

Do. 12-14 Uhr c.t., Konradstr. 6, 209
Beginn: 27.04.2017   Ende: 27.07.2014

 

Im Jahr 1995 veröffentlichte der französische Soziologe Robert Castel (+ 1993 bis † 2013) eine weit über die Arbeits- und Industriesoziologie hinaus rezipierte Monographie über „Die Metamorphosen der sozialen Frage. Ein Chronik der Lohnarbeit.“ Über diese an den Methoden der Kultursoziologie und der Sozialgeschichte orientierte Studie heißt es im Klappentext:

„Robert Castel stellt sich in diesem brillant geschriebenen Werk gegen die Floskel vom 'Ende der Arbeit'. In einem breit angelegten historischen Panorama entfaltet er den langen Weg, der die Lohnarbeit von der elendsten und würdelosesten Lage zum Modell der Produktion gesellschaftlichen Reichtums geführt hat, welches materielle Sicherheit und soziale Identität gewährleistete. Unsere aktuelle Krise wirft in verwandelter Form die gebannt geglaubten sozialen Fragen der europäischen Geschichte erneut auf, wobei sie weit über das Problem sozialer Ausgrenzung am Rand unserer Gesellschaft hinausgreift. Das heute spürbare Prekärwerden der Arbeit bringt unser mühsam über Jahrhunderte hinweg erbautes Modell gesellschaftlichen Zusammenhalts, die Lohnarbeitsgesellschaft, ins Wanken.“

In der Übung werden wir das Buch chronologisch komplett lesen und dabei sowohl Castels spezifische Argumentation, als auch einige für das Verständnis notwendige theoretische Grundlagen erarbeiten. Im Fokus soll dabei die Figur des Vagabunden stehen, dessen soziale Position und Bedeutung in den „Metamorphosen“ vom späten Mittelalter bis in die Gegenwart immer wieder skizziert wird. Denn offensichtlich schreibt Castel, so lautet die Grundidee dieser Lehrveranstaltung, nicht nur eine Geschichte der Arbeitslosigkeit und Prekarität, sondern auch eine Geschichte von Wohnungslosigkeit und Sozialfürsorge, die seit Beginn der frühen Neuzeit stets mit der nicht selten gewaltsamen Disziplinierung zur Lohnarbeit verknüpft war. Die Frage dieser Übung lautet also, inwiefern der Diskurs über vermeintlich überzählige und umherziehende „Arbeitsunwillige“, der je nach konjunktureller Lage immer bestimmte soziale Klassen definierte, stigmatisierte und exkludierte, ein Indikator für das Ausmaß der sozialen Frage letztlich auch im 21. Jahrhundert sein kann. Zu erforschen gilt es in diesem Lektürekurs folglich nicht nur die historische und soziale Realität hinter den sich bis heute hartnäckig haltenden Zuschreibungen und stereotypen Bildern über Bettler, Vaganten und 'Nichtsesshafte', sondern auch die Bedeutung dieser 'sozialchauvinistischen' Zuschreibungen und Bilder für diejenigen, die bislang ökonomisch (noch) weitgehend abgesichert scheinen. Als fruchtbar für solch eine Analyse dürfte sich der Vergleich zwischen dem neuzeitlichen Ressentiment gegen 'Vagabunden' und bestimmten Elementen des Antiziganismus und des Antisemitismus erweisen.

Begleitend zur Lektüre der „Metamorphosen“ werden wir uns deshalb mit Theoriebausteinen von Marx, Bourdieu, Foucault und aus dem Umfeld der Kritischen Theorie beschäftigen. Es ist mit 40 bis 50 Seiten Text pro Woche zu rechnen.

Literatur

  • Bourdieu, Pierre, 1998: Prekarität ist überall. In: ders., Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion. Konstanz: UVK, 96-102.
  • Castel, Robert, 2000 [1995]: Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit. Konstanz: UVK.
  • Castel, Robert/Dörre, Klaus (Hrsg.), 2009: Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts. Frankfurt a. M.: Campus.
  • Marx, Karl/Engels, Friedrich, 1962 [1867]: Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation. Vierundzwanzigstes Kapitel. In: dies., Werke MEW Bd. 23. Berlin: Dietz, 741-791.
  • Sachße, Christoph/Tennstedt, Florian, 1980: Über den Zusammenhang von Armut, Arbeit und Staat. Zur historischen Entwicklung der Armenfürsorge in Deutschland (1400 bis 1900). In: Theorie und Praxis der sozialen Arbeit 31 (9). Münster: Votum-Verlag, 329-338.

Bemerkung

Anwesenheitspflicht in der 1. Veranstaltungsstunde! Sollten Sie aus triftigen Gründen nicht teilnehmen können, so informieren Sie den/die Dozenten/Dozentin rechtzeitig. Unentschuldigtes Fehlen in der 1. Veranstaltungsstunde bedeutet automatisch den Verlust des Kursplatzes.

Voraussetzungen

  • regelmäßige und aktive Teilnahme
  • kontinuierliche Lektüre der Literatur

Leistungsnachweis

  • Essays
  • Referat
  • 6 ECTS