Politische Soziologie sozialer Ungleichheit
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Sozialchauvinismus und Diskurse über „Asozialität“

15238 - Übung

Saskia Gränitz, M.A.

Do. 12-14 Uhr c.t., Konradstr. 6, Raum 109
Zusatztermin
Sa. 21.05.2016, 10-16 Uhr c.t.

1: An einem zugig-kalten Januarabend treiben ca. 20 Polizeibeamte eine Menschengruppe unter dem Vordach des Münchner Hauptbahnhofes zusammen, ziehen deren Ausweisdokumente ein und führen Personen- und Taschenkontrollen durch. Wer seinen Ausweis wiederbekommt, wird des Platzes verwiesen und erhält die Auflage, das Bahnhofsgelände weiträumig zu meiden. Auf Nachfrage können die Beamten keine Kriterien nennen, auf deren Grundlage die Betroffenen dieser Ordnungsmaßnahme ausgewählt wurden. Sie verweisen auf die Hausordnung, welche u.a. übermäßigen Alkoholkonsum am Bahnhof verbietet. In der Tat: einige der Betroffenen haben Bierflaschen in der Hand, einer von ihnen wirkt betrunken, die anderen allerdings nicht. Ich kaufe mir ein Bier, stelle mich daneben und frage die Beamten, ob sie mich jetzt auch kontrollieren. Sie verneinen und meinen, ich habe „Glück“ gehabt. Nach welchem Muster sortieren sie? Und was heißt in diesem Zusammenhang „Glück“?

2: Die Bielefelder Studien zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit verzeichnen seit gut 10 Jahren vergleichsweise hohe Werte in der Abwertung von Obdachlosen und Langzeitarbeitslosen. 2011 stimmte gut jeder dritte Befragte der Aussage zu, „Bettelnde Obdachlose sollten aus den Fußgängerzonen entfernt werden“. Circa 30 % halten Obdachlose für „arbeitsscheu“ und knapp zwei Drittel der Befragten finden es empörend, „wenn sich die Langzeitarbeitslosen auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben machen“ (Heitmeyer 2012, 39).

Das interessante an den Statistiken: sie zeigen einen kontinuierlichen Anstieg dieser Einstellungswerte seit 2009, und vor allem unter den Befragten der höheren Einkommensgruppe lässt sich in diesem Zeitraum eine überproportionale Zunahme von Vorurteilen gegenüber sozial Schwächeren messen (vgl. Heitmeyer 2012, 28). Zu fragen ist, ob die Wirtschaftskrise als Katalysator dieser Ressentiments wirkt, indem den sozial Exkludierten pauschal die Leistungsbereitschaft abgesprochen und strukturelle Probleme folglich individualisiert oder gar pathologisiert werden.

In der Übung sollen derartige Ressentiments gegen vermeintlich unproduktive, nutzlose oder gar als „asozial“ stigmatisierte Gruppen interdisziplinär in den Blick genommen werden. Wir werden zuerst klassische sozialdarwinistische Auffassungen kritisch unter die Lupe nehmen und Diskurse über sogenannte Asozialität vom Nationalsozialismus bis in die Gegenwart rekonstruieren. Anschließend werden Chancen und Grenzen einer Reaktualisierung dieser Konzepte für oben genannte Ressentiments ausgelotet. Im Kern geht es darum, eine Heuristik zu entwerfen, mit der sowohl die Dynamik als auch die Funktionalität von Feindseligkeiten gegenüber Obdachlosen und Langzeitarbeitslosen im Kontext ökonomischer Krisenprozesse erfasst werden können.

WICHTIGER HINWEIS:

Die Übung findet regulär wöchentlich am Donnerstag von 12-14 Uhr statt. Allerdings entfällt die Sitzung am 12.05. Außerdem sind am 05.05. sowie 26.05. Feiertage. Daher wird es im Monat Mai zusätzlich eine Blocksitzung am Samstag, den 21.05. von 10-16 Uhr geben. Die Teilnahme daran ist verpflichtend, denn hier werden die Referatsnoten vergeben. Bitte melden Sie sich zur Übung nur an, wenn Sie sowohl an den regulären Donnerstagsterminen als auch am 21.05. ganztägig teilnehmen können.

Literatur

  • Butterwegge, Christoph (1998): Abschied vom Sozialstaat. Standortnationalismus und Wohlstandschauvinismus als geistig-politische Anknüpfungspunkte des Rechtsextremismus. In Gessenharter, Wolfgang/Fröchling, Helmut (Hrsg.), Rechtsextremismus und Neue Rechte in Deutschland. Opladen: Leske u. Budrich, 147-161.
  • Heitmeyer, Wilhelm (2012): Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF) in einem entsicherten Jahrzehnt. In: ders. (Hrsg.), Deutsche Zustände. Folge 10, Berlin: Suhrkamp, 15-41.
  • Mansel, Jürgen/Endrikat, Kirsten (2007): Die Abwertung von "Überflüssigen" und "Nutzlosen" als Folge der Ökonomisierung der Lebenswelt. Langzeitarbeitslose, Behinderte und Obdachlose als Störfaktor. In: Soziale Probleme, 18 (2), 163-185.

Bemerkung

Anwesenheitspflicht in der 1. Veranstaltungsstunde! Sollten Sie aus triftigen Gründen nicht teilnehmen können, so informieren Sie den/die Dozenten/Dozentin rechtzeitig. Unentschuldigtes Fehlen in der 1. Veranstaltungsstunde bedeutet automatisch den Verlust des Kursplatzes.

Voraussetzungen

  • regelmäßige und aktive Teilnahme
  • kontinuierliche Lektüre der Literatur

Leistungsnachweis

  • Referat
  • Übungsaufgaben