Politische Soziologie sozialer Ungleichheit
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Soziologie der Öffentlichkeit

15284 - Übung

Dipl. Soz. Alexandra Schauer

14-tägig
Di. 16-20 Uhr c.t., Konradstr. 6, Raum 209
Beginn: 19.04.2016   Ende: 12.07.2016

Öffentlichkeit ist eine historische Kategorie. Der Begriff der Öffentlichkeit wurde in Deutschland erst während des 18. Jahrhunderts in Analogie zu publicité und publicity geprägt. Vieles spricht dafür, dass sich zumindest in Deutschland diese Sphäre erst damals gebildet hat. Eine programmatische Selbstbeschreibung der in Formierung begriffenen bürgerlichen Öffentlichkeit stellt Immanuel Kants »Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?« in der Berliner Monatszeitschrift von 1783 dar. Aufklärung wird dort als die »Befreiung des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit« bestimmt und an den öffentlichen Gebrauch der Vernunft gebunden. »Ich verstehe aber unter dem öffentlichen Gebrauch seiner eigenen Vernunft denjenigen,« erklärt Kant, »den jemand als Gelehrter von ihr vor dem ganzen Publikum der Leserwelt macht. Den Privatgebrauch nenne ich denjenigen, den er in einem gewissen ihm anvertrauten bürgerlichen Posten oder Amte von seiner Vernunft machen darf.« Das stellt nicht weniger als eine Verkehrung des überlieferten Verständnisses der öffentlichen Sphäre dar, die bisher mit dem politischen Amt verbunden wurde. Nun sollen es gerade die zum Publikum versammelten Privatleute sein, die der öffentlichen Gewalt des absolutistischen Staats eine »am zwanglosen Zwang des besseren Arguments« gebildete öffentliche Meinung entgegensetzen. Öffentlichkeit wird dabei als der gesellschaftliche Ort zur theoretischen Reflexion moderner Politik verstanden. Dass die öffentliche Meinung jedoch nicht nur Segen, sondern auch Fluch sein kann, darauf hat bereits ein Zeitgenosse Kants hingewiesen: Für Alexis de Tocqueville stellte die Möglichkeit einer »Tyrannei der Mehrheit« eine der großen Gefahren des demokratischen Zeitalters dar.

Im Seminar soll sich der Kategorie und Funktion der (politischen) Öffentlichkeit ausgehend von verschiedenen Theoretikern wie Immanuel Kant, Alexis de Tocqueville, Jürgen Habermas, Richard Sennett und Colin Crouch genähert werden. Neben der Untersuchung der Struktur und Funktion der Öffentlichkeit soll dabei vor allem die Frage im Zentrum stehen, inwiefern sich mit Blick auf die Massendemokratien des 20. Jahrhunderts und die politischen Transformationsprozesse an der Schwelle zum 21. Jahrhundert von einem Strukturwandel der Öffentlichkeit sprechen lässt.

Literatur

  • Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, in: Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik I, Werkausgabe Bd. XI, Suhrkamp 1977, S. 51–61.
  • Alexis de Tocqueville: Die Allmacht der Mehrheit und ihre Wirkungen und Mäßigung der Tyrannei der Mehrheit, in: Über die Demokratie in Amerika, Reclam 2014, S. 139–182.
  • Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Suhrkamp 1990.
  • Oskar Negt und Alexander Kluge: Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit, Suhrkamp 1986.
  • Richard Sennett: Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität, Berliner Taschenbuch Verlag 2008.
  • Colin Crouch: Postdemokratie, Suhrkamp 2008.

Bemerkung

Anwesenheitspflicht in der 1. Veranstaltungsstunde! Sollten Sie aus triftigen Gründen nicht teilnehmen können, so informieren Sie den/die Dozenten/Dozentin rechtzeitig. Unentschuldigtes Fehlen in der 1. Veranstaltungsstunde bedeutet automatisch den Verlust des Kursplatzes.

Voraussetzungen

  • regelmäßige und aktive Teilnahme
  • kontinuierliche Lektüre der Literatur

Leistungsnachweis

  • Referat
  • Hausarbeit